Senioren-Bashing bei Tamedia

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Jeder Verkehrsunfall ist einer zu viel. Und man muss viel unternehmen, um sie zu vermeiden. Auch kontrollieren. Aber nicht polemisieren.

 Angetrunken und ohne Fahrausweis unterwegs: so fahren nach Meinung der Journalisten der Sonntagszeitung, die von Tamedia herausgegeben wird, viele Senioren über 60 Jahren durch die Gegend. Die Junglenker hingegen haben sich stark gebessert und einige von ihnen – Tendenz zunehmend –  dürfen offenbar deshalb in den Zürcher Ausfallstrassen durchaus mal mit 120 kmh unterwegs sein, was zwar meist fatal endet und dann von den Medien wieder mit grossen Schlagzeilen verkündet wird. 

Nach Ansicht des Chefredaktors neigen Senioren immer mehr zu Demenz mit einer Kadenz zur Verdoppelung alle fünf Jahre. Und dies werde wenn immer möglich verschwiegen.

In welcher Welt leben diese Schreibtischtäter? Als ob Demenz langfristig der Umgebung verborgen bleiben könne. Soll jetzt jeder Mensch über 60 Jahren, der einen Namen vergisst, mit dem Fahrausweisentzug bestraft werden?

Im reisserisch aufgemachten Bericht der Sonntagszeitung werden Zahlen und Fakten durcheinander geschüttelt und Unvergleichbares wird gegeneinander ausgespielt. Dabei ist die Sache durchsichtig: als Anwälte gegen die Senioren werden nur Personen und Verbände aufgeführt, welche sich erfolglos gegen die Hinaufsetzung der Fahrtüchtigkeitsprüfung von 70 auf 75 eingesetzt hatten – Rechtsmediziner und Vertreter von Strassenverkehrsämtern, welche Fahrausweisentzüge bereits auf anonyme Anzeigen  hin verfügen können und es auch tun.(Nicht in allen Kantonen!) Dass die Schweiz eines der wenigen Länder in Westeuropa ist, welches überhaupt eine medizinische Überprüfung der Fahrtüchtigkeit regelmässig festlegt, wird am Rande erwähnt. Kein Nachbarland kennt eine solche Kontrolle. Die Seniorenverbände haben sich nicht gewehrt gegen die Kontrolle, jedoch gegen die übermässige Bürokratisierung, die geplant war: nur noch Verkehrsmediziner hätten diese Prüfung abnehmen können. Zur Zeit gibt es in der Schweiz knapp 100 davon. Wie die denn pro Jahr mehrere zehntausend Prüfungen hätten abnehmen können, bleibt ein unbeantwortetes Geheimnis dieser Bürokraten. Und die Verunglimpfung der Hausärzte, die jetzt mit Zusatzausbildung diese Prüfung weiter vornehmen dürfen, mit dem nie bewiesenen Behauptung, dass sie Angst hätten um ihre Einkünfte, ist angesichts des krassen Hausärztemangels  wohl obsolet. Und wenn der ehemalige Zürcher Stadtarzt Albert Wettstein väterlich meint, dass „die meisten Hausärzte im Zweifelsfall auf die Rückgabe des Fahrausweises hinwirken“, kennt er die Rechtslage nicht: ohne Zeugnis der Fahrtüchtigkeit wird der Ausweis zwingend entzogen. Man muss nicht darauf hinwirken!

Die oft gelebte journalistische Regel, dass recherchiert wird, bis die eigene vorgefasste Meinung bestätigt ist, ist mit diesem polemischen Beitrag einmal mehr bestätigt worden. Man müsste aber in der Redaktion von Tamedia drauf hinwirken, dass sich die Journalisten darüber klar werden, dass die einzige treue Leserschaft einer gedruckten Zeitung bei der Generation 50+ liegt. 

Karl Vögeli, Präsident SVS

 

 

2 Antworten

  1. würth Felicitas
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    Sehr gut. Bravo.

    Viele Grüsse

    Felicitas Würth-Zoller

  2. Rolf Bechter
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    Danke für diese Stellungnahme, die ich unterstütze.
    Ich erinnere mich, dass vor einiger Zeit in der AZ bereits ein ähnlicher Bericht erschienen ist, worin ebenfalls völlig absurde Vorwürfe gemacht wurden, auf die ich mit einem Leserbrief reagiert habe.

    Freundliche Grüsse

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