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Am 7.September 2017 führte der Schweizerische Verband für Seniorenfragen (SVS) im Verkehrshaus Luzern einen Kongress durch unter dem Titel „55+ nicht mehr gefragt?“. Referenten aus verschiedenen Bereichen beleuchteten das Thema aus unterschiedlicher Optik. Ein Zukunftsforscher warf auch einen Blick in die Arbeitswelt von Morgen.

Margareta Annen-Ruf, SVS-Redaktion

Karl Vögeli SVS-Präsident ad interim, begrüsste die Anwesenden besonders die Gäste und Referenten: Regierungsrat Guido Graf, Vorsteher Gesundheits- und Sozialdepartement Kanton Luzern, den Zukunftsforscher Georges Roos, den stellvertretenden Leiter des Ressorts Arbeitsmarktanalyse und Sozialpolitik im Sekretariat für Wirtschaft (SECO) Bernhard Weber sowie Theres Arnet-Vanoni, Präsidentin BENEVOL Schweiz, Daniel Lampart, Chefökonom der UNIA, Professor Dr. Knöpfel, Dozent an der Fachhochschule Nordwestschweiz ( FHNW) und Daniella Lützelschwab, Geschäftsleitung Schweizerischer Arbeitgeberverband (SAV).

Es gehöre zu den Aufgaben des SVS, sich auch mit Fragen die künftige Senioren betreffen zu befassen, sagte Vögeli. Er wies zudem auf die Forderung nach einer Erhöhung des Pensionsalters hin, während es für Leute ab 55 immer schwieriger eine Stelle zu finden.

Angesichts der demographischen Entwicklung drohe in 8 Jahren ein Fachkräftemangel bei uns und im übrigen Europa, sagte Regierungsrat Guido Graf, Es sei deshalb wichtig die Arbeitgeber zu motivieren ältere Personen in den Arbeitsmarkt zu integrieren, auch um steigende Sozialkosten zu vermeiden. Graf appellierte zudem an die Eigenverantwortung der Arbeitnehmer, sich den Herausforderungen des Arbeitsmarktes zu stellen.

Phänomenale Verjüngung

Laut dem Zukunftsforscher Georges Roos, wird die Lebenserwartung bis im Jahr 2037 um 5 Jahre steigen. Die Schweiz werde dann 10 Millionen Einwohner zählen und jeder vierte Einwohner werde 65-Jährig oder älter sein. Während 1960 auf einen Rentner 6 Erwerbstätige kamen, werde im Jahr 2040 das Verhältnis 1 zu 2 sein. Gleichzeitig, finde jedoch ein phänomenaler Verjüngungsprozess statt, so Ross.

An weiteren Zukunftsausblicken erwähnte Roos u.a. etwa, dass:

  • in 16 Jahren der Weltenergiebedarf mit Solarstrom gedeckt werden könne;
  • das Internet der Dinge bzw. die Verknüpfung umweltsensibler Gegenstände (z.Bsp eine Säge die in einer Millisekunde weg ist, wenn sie erkennt, dass der Finger kommt);
  • das intelligente Haus, in dem mit einem Smartphone die verschiedensten Funktionen gesteuert werden können;
  • der fortschreitende Einsatz von Robotern in allen Bereichen – u.a. etwa würden 80 Prozent der heute noch von Ärzten durchgeführten Operationen in naher Zukunft von Computern durchgeführt;
  • die Möglichkeit der Selbstoptimierung durch Genemanipulation,
  • ein lückenlosen Monitoring von Bewegung, Schlaf und Gesundheitsdaten - in Zukunft könnten Google, Apple oder ein noch Unbekannter die Player im Gesundheitswesen sein – und
  • den Cyborg ein Mischwesen aus Biologie und Maschine.

Steigendes Bildungsniveau

Bernhard Weber, vom SECO, zeigte anhand von Fakten und Daten die Arbeitsmarktbeteiligung bzw. Arbeitslosigkeit der älteren Arbeitnehmer sowie Lösungsansätze auf. So etwa sei bedingt durch die demographische Entwicklung, der Anteil der älteren Arbeitskräfte in den letzten 10 Jahren um 35 Prozent gestiegen und er werde in den nächsten 10 Jahren weiter steigen. Gestiegen sei aber auch das Bildungsniveau und es werde weiter steigen. Zudem würden ältere Arbeitskräfte als Fachkräfte weiter an Bedeutung gewinnen, sagte Weber.

An Gründen für die steigende Erwerbstätigkeitsquote nannte er u.a. etwa höhere Ausbildung, höheres Erwerbsaustrittsalter, mehr Frauen aufgrund von besserer Vereinbarkeit von Familie und Beruf.
Weiter war zu erfahren, dass im Vergleich zur OECD der Anteil der 55-64-Jährigen auf dem schweizerischen Arbeitsmarkt sehr hoch ist und bei den 65-69 Jährigen im Mittelfeld liegt.

An Gründen für die, trotzdem grosse Wahrscheinlichkeit, dass die Stellensuche mit steigendem Alter über ein Jahr daure nannte der Referent:

  • Dass Betriebsspezifisches Wissen an Wert verliert;
  • nicht sichtbare Weiterbildung;
  • wenig Erfahrungen mit Bewerbungen;
  • Vorurteile bezüglich Leistungsfähigkeit älterer Personen und
  • grössere Lohnanpassungen im neuen Job.

Und an Lösungsansätzen: den Abbau von Vorurteilen; eine wachstumsfreundliche Wirtschaft, keine Subventionierung eines vorzeitigen Altersrücktritts, Anreize über das Pensionsalters hinaus zu arbeiten und, dass es eine Verbundaufgabe von Bund, Kantonen und Sozialpartnern sei.

Rund 39 Milliarden jährlich

In ihrem Statement stellte Theres Arnet-Vanoni, die Dachorganisation Benevol Schweiz – wer sie ist - vor. Ferner war zu erfahren, dass 33 Prozent der Bevölkerung sowohl Frauen als auch Männer aller Altersgruppen Freiwilligenarbeit leisten. Die organisierte Freiwilligenarbeit umfasst Engagements in Vereinen, Behörden, kirchlichen, gemeinnützigen und kulturellen Organisationen und die informellen Freiwilligenarbeit reicht von der der Nachbarschaftshilfe, der Pflege von Angehörigen bis zur, Betreuung von Enkelkindern. Pro Jahr werden 659 Millionen Stunden Freiwilligenarbeit geleistet was einem monetären Wert von rund 39 Milliarden Franken entspricht.

Ohne Freiwilligenarbeit würde vieles in unserer durchökonomisierten Gesellschaft nicht oder nur ungenügend funktionieren, sagte die Referentin. Sie sei auch wichtig für den gesellschaftlichen Zusammenhalt, biete die Möglichkeit Neues zu lernen, steigere das Selbstwertgefühl - besonders wichtig für ältere stellenlose Arbeitskräfte.

Daniel Lampart, Chefökonom der UNIA, stellte fest, dass eine Altersdiskriminierung besteht. Oft nehme eine lange berufliche Laufbahn ein unwürdiges Ende, etwa wenn ein jüngerer Chef komme und ältere Arbeitskräfte einfach entlasse. Dank Interventionen habe die UNIA in solchen Fällen auch schon Wiedereinstellungen erwirkt. Lampart erwähnte auch die Bedeutung der Erwerbstätigkeit bzw. des Lohns für die Pensionskasse und kritisierte das SECO, das sich bezüglich der Forderung nach einer Stellenmeldepflicht quer stelle.

Mehr Agilität gefragt

An Faktoren /Gründen für die Arbeitslosigkeit nannte Professor Dr. Carlo Knöpfel etwa den Strukturwandel, kein Geld für eine Umschulung, keine Ausbildung oder die Leute können nicht das was die Wirtschaft braucht. Daher verarmten etwa Personen die kein Vermögen haben oder keinen Partner der verdient, Alleinlebende, Allleinerziehende, geschiedene Männer /Frauen, Menschen mit gesundheitlichen Problemen.

Daniella Lützelschwab, Mitglied der Geschäftsleitung des Schweizerischen Arbeitsgeberverbandes, wies zunächst daraufhin, dass mit insgesamt 71,5 Prozent der Beschäftigungsgrad der 55 – 64-Jährigen hoch sei. Es sei indes je nach Branche unterschiedlich und die Firmen seien für das Problem sensibilisiert. Lützelschwab forderte von den älteren Arbeitnehmern aber auch mehr Agilität, die Bereitschaft Neues zu lernen, die eigenen Kompetenzen zu stärken und Chancen zu erkennen und zu ergreifen.

Im Anschluss die Ausführungen folgte eine lebhafte Diskussion.

Präsntationen zum Download:

Kongress-2017_Folien-Bernhard-Weber.pdf

Kongress-2017_Folien-Daniella-Luetzelschwab.pdf

Kongress-2017_Folien-Theres-Arnet-Vanoni.pdf